Regisseurin Anna Stiepani und Bühnen- und Kostümbildnerin Jenny Schleif im Gespräch
Elisabeth Thaler: Taucht mensch in „Blutbuch“ ein, öffnet sich ein vielschichtiger Kosmos, der sich den Regeln konventioneller Romanschreibung entzieht: Autor:in Kim de l’Horizon legt sich nicht fest, sondern gibt sich in jedem Kapitel einem ganz eigenen Genre, einer eigenen Sprache hin. Anna, wie übersetzt du diese so unterschiedlichen Erzählformen auf die Bühne?
Anna Stiepani: Durch viel Ausprobieren. Es ist wichtig, sich jedem Kapitel einzeln zu nähern und den Rhythmus seiner jeweiligen Sprache aufzunehmen, um das Gefühl zu finden, das darunterliegt. Das hilft uns wiederum dabei, die Fragen, die wir stellen müssen, zu beantworten: Was ist die große Überschrift? Was wollen wir erzählen? Was steht zwischen den Zeilen? Um uns dann der Aufgabe anzunehmen, dieses Gefühl in ein Bild zu übersetzen, und zwar so, dass das Gefühl sich durch das theaterale Bild auch vermittelt. In den Proben versuchen wir uns dieser Fülle von Formen, Sprachtypen und Themen auf eine sehr liebevolle und offene Art und Weise zu nähern und zu überprüfen, wie sich das größtmögliche Gefühl im Sinne von Kim de l’Horizon überträgt.
ET: Bleibst du in diesem offenen und freien Ausprobieren dem Sprachduktus und den sehr unterschiedlichen Formen des Romans treu?
AS: Ich versuche es. Es ist immer spannend herauszufinden, welche Sprachformen nach welchem Theatergenre verlangen und was für ein Genre-Mix sich daraus ergibt. „Blutbuch“ verlangt nach einer Vielfalt von Genres, weil sich Kim den komplexen Familien- und Gender-Verhältnissen in einer ebensolchen Vielfalt angenommen hat und diese nicht in einem Genre funktionieren. Die Sprache des „Blutbuchs“ ist wie Musik. Mehrschichtig, gleichzeitig, komplex. Der Sprachgewalt von Kim de l’Horizon kann ich mich wie einer Oper nähern.
ET: Kim de l’Horizon spricht in Bezug auf die eigene Schreibpraxis von der „écriture fluide“, dem Versuch eines fließenden Schreibens. Wird das Fließende auch in deiner Inszenierung eine Rolle spielen?
AS: Ja, das werden wir vor allem in der Musik von Anna Starzinger erleben, in der wir etwas Vorantreibendes, etwas Fließendes suchen, das durch einen Anfangspunkt losgetreten wird. Diesen Anfangspunkt bildet die Demenzerkrankung der Großmeer, die Kim soghaft in die Vergangenheit zieht und zwingt, sich damit auseinanderzusetzen. Der Fluss ist eine schöne Übersetzung dafür, dass Gefühle, Erfahrungen, Prozesse von Generation zu Generation weitergehen. Jeweils ein bisschen anders, aber in einem ständigen Fließen.
ET: Jenny, du gestaltest die Bühne und Kostüme für „Blutbuch“. Was war dein erster Leseeindruck und dein Ausgangspunkt für die ästhetische Übersetzung?
Jenny Schleif: Es war gar nicht so einfach, für diese Sprachlichkeiten, Bildgewalten und Geschichten einen Raum zu finden. Ich habe nach einem Kosmos gesucht, der dem Ausgangspunkt der Inszenierung entspricht: dem Körper der Großmeer. Denn für mich treffen sich alle Fragmente an diesem Ort. Der Wald, der schließlich für die Studiobühne entstanden ist, bildet einen Gesamtraum, der wie ein Körper funktioniert. Er schafft Raum für Mystik, Generationalität, Geschichte und Geschichten, enthält Elemente von Nacktheit, von Körperlichkeit. Aus diesem Körper können sich die einzelnen Schichten des Kosmos sowie die Spielenden, die ihre je eigenen Facetten, Erfahrungen und Geschichten mitbringen, entwirren. Wichtig war es mir dabei, in der Vielschichtigkeit das zu finden, was das Ganze zusammenhält und den Angelpunkt bildet: einen Ort, an dem wir beginnen können, der aber auch eine Zeitlosigkeit mitbringt.
ET: Der Gemeinschaftskörper spielt in der Inszenierung eine große Rolle: Wie können wir die Figur Kim erzählen? Und wie können wir diesen non-binären Körper erzählen, der im Roman so zentral ist?
AS: Wir haben in den letzten Proben eine schöne Bezeichnung dafür gefunden. Wir sehen fünf darstellende Personen und von diesen fünf wird jede einzelne zu einem Kim-Molekül. Sobald sie als Pulk zusammenstehen, ergibt sich ein Gemeinschaftskörper, ein Kim-Molekül-Körper. Das Schöne ist, dass sich Moleküle verselbstständigen können, raustreten, sich weiterentwickeln, andere Haltungen einnehmen, eine andere Zeit bedienen und dadurch doch wieder etwas Gesamtes entstehen lassen. Das ergibt sich einerseits durch die Art und Weise, wie wir die Texte verteilen und welche Haltungen die Spieler:innen in sie hineinlegen, aber auch auf der Bildebene, im Kostüm. Und dafür hat Jenny ein tolles Prinzip gefunden.
JS: Ausgangspunkt war es, „einen Körper aus vielen“ zu schaffen. Gleichzeitig haben die Kostüme etwas Historisches, etwas Klischiertes, sehr Persönliches, das die Spielenden selbst mitbringen. Es liegen viele Schichten übereinander, aus denen sich verschiedene Bilder und Charaktere herausschälen können, die viel bedeuten und gleichzeitig eine Ebene für freie Interpretation zulassen. Ich wollte gar nicht erst versuchen, ein Stereotyp oder eine bestimmte Figur darzustellen, sondern den Interpretationsspielraum offenhalten.
ET: Bleiben wir noch beim Thema „Körper“. Anna, welche Narrative findest du für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht?
AS: Da gibt es natürlich unzählige. Wir können nach einer Schauspielform suchen, werden sie für ein Vorhaben wie dieses aber erst erfinden müssen, weil es eben kein eindeutiges Narrativ für einen Körper fernab der Binarität gibt. Wir können uns für „Blutbuch“ nicht auf den realistischen Schauspielstil, den Naturalismus, den komödiantischen oder rhetorischen Stil festlegen, wie es im Zugang auf klassische Stücke oft der Fall ist. Es würde der Komplexität dieses Gemeinschaftskörpers nicht gerecht werden. Vielmehr versuchen wir, den Gedanken der verschiedenen Moleküle weiterzudenken, der auch sehr in Kim de l‘Horizons Utopie-Gedanken verankert ist. Dieser besagt, dass wir miteinander und mit allem um uns herum verbunden sind, mit unserem Gegenüber, mit der Tierwelt, mit Pilzen, mit Geflechten, mit Steinen. Es gibt demnach keine Grenzen, keine Abgrenzungen und keine Entgrenzungen mehr. Es besteht ein Miteinander, das in einer gemeinsamen Schwingung Dinge verhandeln kann, auf eine sehr offene, empathische und liebevolle Art und Weise. Dieser Idee versuchen wir szenisch und auf der bildhaften Ebene zu folgen. Das fordert sehr viel Kreativität und Fantasie, weil wir es mit keiner eindeutigen Figur zu tun haben. Wir müssen uns – auch in Befragung des gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontextes – überlegen, welcher Gedanke und welches Gefühl gerade wichtig ist und wie wir es transportieren. Das geht von Performance und Musik, Slow Motion und Zeitraffer, Tanz, Poledance bis hin zu einer musikalischen, szenischen Lesung – bis ins Unendliche.
ET: Die Verbindung mit der Natur übersetzt Kim de l’Horizon sehr stark ins Bild der Blutbuche, die im Garten der Großmeer steht. Das Kind – eines der Kim-Moleküle – vereint sich mit dieser Blutbuche. Wie liest du diese Verbindung?
AS: Diese Verbindung ist wieder sehr vielschichtig. Die Blutbuche ist Rückzugsort sowie Anziehungsort, sie hat etwas Mystisches. Es heißt an einer Textstelle, das Kind sitzt unter ihr wie in einer Kathedrale. Zugleich ist sie Zuhörerin für das Kind. Sie gibt freundliche, auch verschlüsselte Antworten. Mit einer großen Offenheit und Weitsicht, mit Geduld, die ganz anders ist als der gesellschaftliche Kontext, in dem das junge Kim-Ich eingebettet ist. Dadurch wird die Blutbuche Vertraute, Freundin und visionäre Ratgeberin. Mit der Natur verbunden zu sein, bildet auch ein Verlangen, eine Sehnsucht des Kindes ab. Ist der Körper etwas Geschlossenes und Einschließendes, ein „Wohnkörper“, oder reichen die Wurzeln des Menschseins, des Daseins viel weiter? Wo beginnt die eigene Existenz, wo ist mensch verortet? Der Baum bietet Verwurzelung, ihn umgibt aber auch eine Aura. Erzähltechnisch wird viel über diese Auratisierung erreicht, die Unheimliches und Unbehagen auslöst, aber auch Faszination. Was die Blutbuche in Kim sät, wächst weiter. Etwas Nichtgeschlechtliches, etwas Offenes. Der Gedanke, dass es noch mehr gibt als nur Frau und Mann beispielsweise.
ET: Das Bild des Baumes, der Natur, ist stark verknüpft mit der Großmeer, deren Körper sehr eindrücklich beschrieben wird. Beides verbindest du in deiner Bühne. In welcher Form?
JS: In meinem Entwurf für die Bühne habe ich versucht, den Großmeerkörper zu vergrößern, ins Überdimensionale zu ziehen und mit dem Bild des Waldes zu verdichten. Fragmente des Körpers, der Erinnerung des Kindes an diesen Körper, stehen im Wald und verweben sich mit dem Dickicht. Dieses Prinzip des Verwoben-seins zieht sich auch durch die Kostüme, z.B. um eine Verflechtung zwischen den Generationen zu erzählen.
ET: Wir verfolgen den Prozess der Verarbeitung einer Familiengeschichte, vor allem der weiblichen Linie in dieser Familie. Wie näherst du dich dem Thema des Erbes, das auch mit Schmerz und Traumata verbunden ist?
AS: Bereits im Prolog wird festgestellt, dass in der Familie über ganz viel nicht gesprochen wird, vieles nicht aufgearbeitet wurde. Der Nationalsozialismus etwa oder Kims Queer-Sein. Es gab und gibt keinen Raum, darüber zu sprechen. Es ist ein stummes Fließen, das Generationen verbindet und Traumata weitergibt. Der Ausgangspunkt in „Blutbuch“ – und für unser Vorhaben – ist die Entscheidung, Traumata nicht mehr weitergeben zu wollen. Die Geschichte wird entwirrt, aufgeschrieben bzw. im Theater erzählt, um sich dadurch davon distanzieren zu können und den Kreislauf zu durchbrechen, den Fluss anders zu gestalten und seine Richtung zu ändern. Die Idee ist, dafür eine bildhafte Entsprechung zu finden und sich an dieser Suche abzuarbeiten, um am Ende hoffentlich verändert rauszukommen. Den utopischen Gedanken dahinter finde ich interessant.
ET: Du hast von sprachgewaltigen Bildern gesprochen, die wir jetzt auf die Bühne übersetzen. Ich merke in den Proben, wie stark du in Bildern denkst. Glaubst du, dass Bilder eine größere Stärke haben, um Gefühle zu erzählen als Texte?
AS: Ich glaube, die Mischung macht es. Ein Bild ist immer komplementiert mit dem Text. Es muss eine Anbindung haben, der Gedanke muss richtig sein und es muss eine Haltung dazu geben. Im Idealfall stimmt das überein und das Gefühl überträgt sich im Sinne der Inszenierung, des Textes und der Gruppe, die performt. Aber ich bin auch der Meinung, dass Bilder im Theater unterbewusst Gefühle auf eine auratische Weise treffen, die über die Möglichkeiten des Textes hinausgehen. Bilder öffnen Referenzen und Räume, die für jeden Menschen im Publikum anders sein können. Ziel ist es, einen Denkraum, einen Emotionsraum aufzumachen, an den so viele wie möglich anknüpfen können, um ein Gefühl von gemeinsamer Erfahrung, von Trost und Hoffnung zu vermitteln. Um Solidarität, Fürsorge und ein Miteinander zu erzählen, die wir in unserer Zeit dringend brauchen. Das schaffen Bilder immer sehr gut im Theater.
ET: Vielen Dank für das Gespräch.







































