Diese Figur hat ein „Ich“, nicht bloß eine Funktion  

König Lear-Darsteller Alexander Ebeert im Gespräch 
 
Elisabeth Thaler: Die Rolle des König Lear ist eine große Aufgabe. Als du die Anfrage bekommen hast, diese Rolle in Bozen zu spielen, welche Gedanken gingen dir da durch den Kopf? 

Alexander Ebeert: Meine erste Reaktion war: Wann fangen wir an? Ich habe schon vor 20 Jahren in einer „König Lear“-Inszenierung gespielt und mir ist jetzt aufgefallen, dass ich viele Szenen nicht richtig gesehen und verstanden habe. Ich habe mich sehr gefreut, weil diese Rolle eine Aufgabe ist, die man selten bekommt. Und da geht es gar nicht so sehr um die Größe der Rolle, sondern um den Weg, den Lear durchmacht und der sehr viel mit dem Menschsein zu tun hat. Diese Figur hat ein „Ich“, nicht bloß eine Funktion. Sie startet an einem Punkt und endet an einem ganz anderen. Zudem sind Shakespeares Werke Texte, die endlose Arbeit ermöglichen – im besten Sinne. Darauf freue ich mich. 

ET: Braucht man für die Verkörperung des König Lear auch eine gewisse Lebenserfahrung? 

AE: Ich vermute schon. Es gibt Rollen, die ich vor 20 Jahren gespielt habe, wo ich mir heute denke, dass ich diese unbedingt noch mal spielen muss, weil ich ganz viel falsch gemacht habe, weil ich es damals nicht besser wusste. Ich bin schon gespannt, welche Fehler ich mir in 10 Jahren unterstellen werde. Man muss mit all der Erfahrung, die man mitbringt, so verantwortungsvoll wie möglich mit einer Rolle umgehen. 

Alexander Ebeert

ET: Das Stück beginnt, als Lear das Reich unter seinen Töchtern aufteilen möchte. Was vererbt Lear?  

AE: Lear denkt, er vererbt etwas, das immer so bestehen wird, wie es jetzt ist. Er versucht es genauso weiterzugeben. Und leugnet dabei, dass sich die Zeit und die Umstände verändert haben. Das erinnert an die seltsame Sehnsucht, die wir gerade auf der ganzen Welt spüren, nämlich den Versuch, etwas wieder zu installieren, das es so vielleicht nie gegeben hat – eine Ordnung, eine Zeit, die wir nicht so erinnern, wie sie wirklich war. Über Lear bricht alles zusammen, aus politischer Sicht, aber auch aus familiärer. Lear meint, seine Töchter zu kennen, hat sie aber nie verstanden. Deswegen ist die Enttäuschung Cordelia gegenüber zu Beginn des Stücks besonders groß. 

ET: Lear gilt als Protoyp des Tyrannen. Doch mit seiner jüngsten Tochter Cordelia verbindet ihn Liebe. Hat Lear auch eine weiche, liebende Seite?  

AE: Lear möchte lieben, aber zu seinen Bedingungen. Das ist der Fehler daran. Deshalb glaube ich, dass es nicht wahre Liebe ist. Wenn man liebt, dann lässt man los, sonst ist es keine Liebe. Zu Stückbeginn bricht eine Lebenslüge zusammen, denn Cordelia hält sich nicht an Lears Bedingungen. Seine Reaktion darauf ist Zerstörung: Wenn die Welt nicht unter meinen Bedingungen stattfindet, dann findet sie gar nicht statt. Wie kann man im Namen der Liebe so wütend werden, so biblisch zornig, dass man alle Konsequenzen in Kauf nimmt, auch den Tod der geliebten Tochter? Darüber denke ich viel nach. 

ET: Steht hinter diesem Zorn nicht auch ein System, nämlich das Patriarchat? Ist die Folge dieses Systems am Ende die Zerstörung? 

AE: Lear hat sein Leben lang in einem System funktioniert, dessen Regeln er kennt, auch wenn sie völlig falsch sein mögen. Das erinnert an die heutigen sog. Autokraten, die am liebsten alle Hebel der Welt in Bewegung setzen würden, um nie zu sterben. Ich glaube nicht, dass Putin, Erdogan oder Trump sich eine Welt ohne sich selbst darin vorstellen können. Und wenn es dann doch zu Ende geht, dann reißen sie so viel wie möglich mit sich, zerstören Systeme, Schulen, Menschenrechte … 

ET: … und hinterlassen verbrannte Erde. 

AE: Ja, und zwar völlig wissentlich, glaube ich, und mit großem Genuss.  

Elisabeth Thaler

ET: Gerade, wenn man den Bogen schlägt zu heutigen Machthabern, spielt der Aspekt des Wahns auch eine wesentliche Rolle. Sind Wahn und Macht zwei Seiten einer Medaille? 

AE: Ich glaube, Lears Wahnsinn ist weniger pathologisch begründet, sondern hat mit seelischem Schmerz zu tun und sicherlich auch mit Macht. Wir erleben einen völligen Zusammenbruch innerhalb kürzester Zeit. Wie ist das, wenn einem 70 Jahre lang alle gedient haben? Lear sagt an einer Stelle: „Sie sagten ja und nein zu allem, was ich sprach! Ja und nein zugleich war wohl nicht das Beste.“ Ich glaube, das kann man nur verstehen, wenn man Macht und die totale Ergebenheit aller um einen herum erlebt hat. Und plötzlich bricht das alles weg. Damit kann man sich Lears Wahn am Anfang wohl auch erklären. Er verbannt ja nicht nur seine Tochter, sondern auch seinen engsten Vertrauten, weil der ihm widerspricht und eine Gegenfrage stellt.  

ET: Hat er durch diese Macht auch den Bezug zur Wahrheit verloren? 

AE: Ja, weil es bisher nur seine Wahrheit gab.  

ET: Erst im Wahn erlebt Lear einen Moment der Wahrheit, als er den Menschen als Menschen erkennt. 

AE: Auf der Heide begegnet er dem „Irren“ und interessiert sich für ihn, weil er daran glaubt, dass dieser die Wahrheit spricht. Er nennt ihn „seinen Philosophen“. Er hört ihn, versteht ihn zwar nicht, nimmt ihn aber ernst, weil er spürt, dass da Wahrheit verborgen liegt. Er beginnt nachzudenken. Auch in den Gesprächen mit seinem Narren versucht er wirklich zu verstehen. 

ET: Der Narr ist eine wesentliche Figur in diesem Stück und mit Lear eng verbunden. Welches Verhältnis hat Lear zum Narren? 

AE: Wenn Lear in seinem Leben Zweifel zugelassen hat, dann gibt es diesen Freund oder Begleiter, der ihm in Form von verrätselten Denkanstößen manchmal auf die Sprünge geholfen hat. Der Narr kommt und die beiden führen einen Dialog, vielleicht auch zwischen zwei Menschen im Wahn. Ist der Narr nicht da, kann er eigentlich gar nicht weitermachen. Er ist ein Teil von ihm, den er institutionalisiert hat und der in einem gewissen Ausmaß Chaos zulässt. Er ist der einzige Mensch, der nicht zu allem ja und nein sagt und der einzige, dem Lear das gestattet. Und dann wird er ausgetauscht mit einem neuen Philosophen … 

ET: Am Ende des Stücks scheint die Welt dem Untergang geweiht. Wie gehen wir aus diesem Theaterabend raus? 

AE: Ich bin der Meinung, dass es die Aufgabe der Kunst ist, vielmehr etwas zu zeigen, als Antworten zu liefern. Bei Shakespeare sind die möglichen Erkenntnisse zahllos. Man kann sich für die Liebe interessieren, man kann sich für die Macht interessieren, man kann sich für Gerechtigkeit interessieren. Lear ist ein Stück über Machtstrukturen ebenso wie eine Familientragödie. Shakespeares Werke haben alle eine unglaubliche Tiefe und Abgründe, in die es sich lohnt, einzutauchen.  

ET: Vielen Dank für das Gespräch.  

Fotos: Luca Guadagnini