Am 4. März 2026 fand im Dormizil das letzte Pop-up-Podium dieser Spielzeit statt. Der Abend stand unter dem Titel „Homeless: Solidarische Perspektiven auf Obdachlosigkeit“. Moderiert von Maria Lobis, Journalistin und Vorstandsmitglied des Dormizils, sprachen Max Zanellini, ehemals obdachlos und Dormizil-Botschafter, und Alexander Nitz, langjähriger Leiter des Hauses der Solidarität und Geschäftsführer der b*coop.
Maria Lobis: Max, puoi raccontarci che cosa significa per te la parola casa e perché sei qui oggi?
Max Zanellini: Sono qui perché mi avete invitato. (ride) Per me la casa significa soprattutto privacy. La privacy è normalità: significa poter stare lontano dagli sguardi degli altri. Quando vivevo per strada, questa era la cosa che mi pesava di più. Avere una casa significa anche avere una cucina, un frigorifero e un posto dove rifugiarsi. Un luogo dove stare tranquilli. Nel mio caso significa anche vivere con i miei due gatti.
Maria Lobis: Alex, was hat dich heute hierhergeführt?
Alexander Nitz: Das Thema, über das wir heute sprechen, begleitet mich schon lange. Wenn ich nachrechne, dann liegt es etwa 25 Jahre zurück, als ich meinen Zivildienst bei der Caritas gemacht habe. Damals hat mich Luzi Lintner einmal unter die Talferbrücke in Bozen mitgenommen. Dort lebten mehrere Menschen – ich erinnere mich an ihre Namen: Josef, Jörg und Elmar. Ein ORF-Team machte damals eine Reportage. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Südtirol und konnte damals kaum glauben, dass es so etwas auch bei uns gibt.
Maria Lobis: Max, kannst du uns von deiner Geschichte erzählen? Ti ricordi la prima notte per strada?
Max Zanellini: Sì. È stata un’esperienza molto dura. Non sapevo dove andare e non sapevo nemmeno come si dorme fuori. Per fortuna era luglio e faceva caldo, ma per i primi tre mesi non riuscivo quasi a dormire. L’ultimo inverno che ho passato fuori è stato quello del 2020-2021, durante il lockdown. Di notte le temperature scendevano anche sotto i meno dieci gradi. Di giorno camminavo per tenermi caldo e di notte dormivo lungo le passeggiate del Talvera, dentro un sacco a pelo. Lì c’era una colonia di gatti e uno di loro entrava spesso nel sacco a pelo con me. In un certo senso ci siamo salvati a vicenda dal freddo.
Maria Lobis: Hai incontrato persone che ti ascoltavano, ti davano qualcosa?
Max Zanellini: Sì. Per esempio Hugo ed Erika, che si prendevano cura dei gatti. Poi Andrea, che aveva un bar. A volte mi dava da mangiare: pasta o pane. Anche alcuni operai edili albanesi erano molto gentili. Mi chiamavano da loro, mi offrivano caffè o sigarette e parlavano con me. E anche altri senzatetto, molti dal Marocco. Formavamo un piccolo gruppo e condividevamo quello che avevamo.
Maria Lobis: Qual è stata per te la difficoltà più grande?
Max Zanellini: Fisicamente: la fame. Psicologicamente: la mancanza di privacy. Quando si è senzatetto, si viene osservati continuamente. Si vede una persona con la barba lunga, i vestiti sporchi — e molte persone si girano automaticamente dall’altra parte.
Maria Lobis: Alex, du hast viele Menschen in ähnlichen Situationen kennengelernt. Welche Parallelen hörst du in Max’ Geschichte?
Alexander Nitz: Mich berührt es, die Geschichten zu hören und den Überlebenswillen zu spüren. Ich kann viel von ihnen lernen: Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, mit schwierigsten Situationen umzugehen. Und zu lernen, sie nicht von oben herab anzuschauen, sondern als Menschen, Mitmenschen. Im Haus der Solidarität habe ich Menschen aus über 100 Ländern kennengelernt. Heute arbeite ich im Winternachtquartier in Brixen. Dort haben wir etwa 20 Plätze für Männer, manchmal auch mehr, wenn es sehr kalt ist. Viele der Menschen sind überraschend sehr jung. Viele haben einen Migrationshintergrund. Und etwa ein Drittel von ihnen arbeitet sogar – trotzdem haben sie keine Wohnung. Das zeigt, wie komplex dieses Problem ist.
Maria Lobis: Was unterscheidet Menschen, die kurzfristig in Not geraten, von jenen, die schon länger auf der Straße leben?
Alexander Nitz: Einmal hat mir jemand gesagt: Jeder zusätzliche Monat auf der Straße macht die Integration zurück in die Gesellschaft schwieriger. Bei uns sind viele noch nicht sehr lange auf der Straße – zum Glück. Die meisten wollen wirklich ankommen, arbeiten und ein normales Leben führen. Bei einigen wäre jedoch viel mehr Unterstützung notwendig, vor allem psychische oder sogar psychiatrische Hilfe. Wir beobachten das häufig. Aber die entsprechenden Dienste sind oft überlastet. Dazu kommt die interkulturelle Komponente – auch da fehlt manchmal Erfahrung, sodass konkrete Hilfe nicht immer einfach ist.
Maria Lobis: Max hat es erwähnt: Es gibt immer wieder einen Notstandswinter nach dem anderen. Jeden Sommer tun wir so, als gäbe es keinen Winter, obwohl wir wissen, wie kalt es wird. Welchen Fortschritt hat Südtirol bereits gemacht – und was fehlt noch?
Alexander Nitz: Was sich verbessert hat: Es gibt inzwischen Winternachtquartiere. Sie fangen in der kalten Jahreszeit zumindest etwas ab. Aber das ist nur Nothilfe, keine langfristige Lösung. Dafür müsste die Politik den Mut haben, neue Wege zu gehen – zum Beispiel das Konzept Housing First, das in Finnland erfolgreich umgesetzt wurde. Ich verstehe nicht, warum man solche Konzepte nicht stärker ausprobiert. Studien zeigen, dass es langfristig sogar kostengünstiger sein kann.
Maria Lobis: Ein obdachloser Mensch kostet im Nachtquartier etwa 1000 Euro pro Monat. Er bleibt sechs Monate – und steht danach wieder auf der Straße. Im Herbst beginnt der ganze Prozess erneut. Welche Lösungen habt ihr aus euren Erfahrungen entwickelt?
Alexander Nitz: Letztes Jahr hatten wir die schmerzhafte Erfahrung, dass sechs von zwanzig Personen Ende April keine Anschlusslösung hatten und wieder auf die Straße mussten. Deshalb haben wir gemeinsam mit der Gemeinde, der Bezirksgemeinschaft und dem Haus der Solidarität ein Projekt gestartet. Die Idee: Einen kleinen Teil der leerstehenden Wohnungen wieder auf den Mietmarkt zu bringen. In Brixen gibt es laut offizieller Zahl etwa 600 leerstehende Wohnungen oder Zimmer. Viele Vermieter:innen haben schlechte Erfahrungen gemacht oder Sorgen. Deshalb haben wir zwei Mitarbeiter:innen eingestellt, die einerseits die Mieter:innen begleiten und andererseits die Anliegen der Vermieter:innen ernst nehmen. Wenn das funktioniert, könnte es ein Best-Practice-Modell werden. Und noch etwas habe ich kürzlich gelernt: Nicht Arbeit oder Wohnung stehen am Anfang, sondern das Netzwerk. Wenn Menschen ein Netzwerk haben, finden sie leichter Arbeit und Wohnung und kommen aus der Isolation heraus.
Maria Lobis: Max, dal tuo punto di vista: cosa funziona nel sistema di aiuto e cosa invece non funziona?
Max Zanellini: Io personalmente non ho mai chiesto aiuto ai servizi pubblici, quindi posso parlare solo della mia esperienza. Il problema è che spesso i servizi sociali hanno poco personale e pochi finanziamenti. Sui giornali si parla molto di interventi della polizia contro i senzatetto, ma molto meno delle storie di persone che riescono a rimettersi in piedi. In realtà stiamo parlando di circa 500 persone su una popolazione di mezzo milione: una persona ogni mille abitanti. In una provincia ricca come l’Alto Adige non sarebbe impossibile trovare le risorse necessarie. Il problema è che le persone senza dimora non rappresentano una lobby e quindi spesso non hanno voce.
Maria Lobis: Che effetto ha su una persona ricevere aiuti solo temporanei?
Max Zanellini: Quando vivi per strada pensi solo alla sopravvivenza. A volte non si tratta nemmeno di pianificare giorno per giorno, ma ora per ora. Se sai che per qualche mese avrai un posto caldo dove dormire, cerchi di goderti quel momento. Ma poi tutto può ricominciare da capo. Non è piacevole abituarsi a una certa stabilità e poi perderla di nuovo. Le iniziative private sono molto importanti, ma non possono sostituire completamente la responsabilità dello Stato.
Maria Lobis: Cosa può fare ognuno di noi?
Max Zanellini: Scrivete ai vostri rappresentanti politici. Solo la politica può cambiare davvero le cose. E nella vita quotidiana cercate di essere meno indifferenti. A volte bastano due parole, un caffè, un piccolo gesto per far sentire una persona meno sola.
Alexander Nitz: Zu Veranstaltungen wie dieser kommen, sich informieren, auch ins Theater gehen, wenn solche Themen aufgegriffen werden. Und wer kann, soll sich ehrenamtlich engagieren. Viele der 120 Freiwilligen im Verein Dormizil EO sagen: Sie geben nicht nur, sie bekommen auch viel zurück. Und vor allem: nicht einfach vorbeigehen, wenn jemand Hilfe braucht.