Der Musikalische Leiter Christoph Huber im Gespräch
Räumlich, romantisch und musikalisch – „Im weißen Rössl“ verbindet: Berliner Urgesteine und bis über beide Ohren verliebte Oberkellner, Stadt und Land, Kitsch und Camp, Schuhplattler und Jazz. Was verbindest Du mit dem „Rössl“?
Christoph Huber: Volks- und Blasmusik sind meine musikalische Kindheit. Mein Werdegang beginnt ja mit acht Jahren Volksmusik, dann Blasmusik, Klassik und zeitgenössische Musik. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, mit seinem Operettenklang. Da gab es mehr Volks- und Blasmusik als zum Beispiel die Musik von Gustav Mahler, die in meinem Herzen ist. Während des Studiums habe ich in Wien einmal ein „Rössl“-Potpourri mit einem Chor gemacht. Da habe ich gedacht: Coole Musik. Das „Rössl“ ist eine Hitparade! Es verbindet alles: Jazz-Elemente, Nachttänze, Boogie-Woogie, Volksmusik, die große, klassische Ouvertüre ebenso wie tonmalerische Elemente, wo die Musik rezitativisch die Szene beschreibt. Also alles, was man braucht.
Der Revue-Meister der 20er und 30er Jahre Erik Charell hat gemeinsam mit Hans Müller 1930 diesen Welterfolg für das Berliner Große Schauspielhaus adaptiert. Ist das „Rössl“ eine Operette, eine Revue-Operette, ein Singspiel oder anachronistisch gesagt eine frühe Form des Musicals?
CH: Von der Phrasierung und der Gestaltung der Stimme passt das „Rössl“ eigentlich ins Fach der Operette. Alles andere – Revue, frühes Musical, Singspiel – definiert die Inszenierung. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man das „Rössl“ präsentiert. Bei uns geht es in Richtung Musical, aber es ist keins. Es ist wirklich Operette. Die unterschiedlichen Einflüsse wie der Jazz sind als Ideen schon in der Ur-Fassung aus den 30er Jahren da. Da war es aber sprunghafter, die Musik bricht aus, plötzlich ist man in einer anderen Welt, dann geht es wieder zurück in den Operetten-Kitsch. Die Nachkriegsfassung aus den 50er Jahren ist da eine nächste Version. Man muss die Balance zwischen dem Kitsch und den Brüchen finden, aber es bleibt Operette.
Das „Rössl“ hat eine bewegte Aufführungsgeschichte. Erst 2008 wurde die Fassung der Uraufführung von 1930 in Zagreb wiederentdeckt, die nach den Bomben auf Berlin als verschollen galt. Was ist der Unterschied zwischen der Nachkriegsfassung, die wir mit Peter Alexanders Stimme im Ohr haben, und Erik Charells Weimarer Fassung aus der Zwischenkriegszeit?
CH: Wir spielen die Version von Peter Alexander, die wir im Ohr haben. Das ist unser Klangbild. Bei der Ur-Fassung aus den 30er Jahren, die meine zwei Kollegen Matthias Grimminger und Henning Hagedorn rekonstruiert haben, waren die jazzigen Elemente, die Tänze wirkliche Brüche. Wenn zum Beispiel die Touris aus Amerika auftreten, wird es jazzig. Und wenn es um St. Wolfgang geht, ist es eher traditionell österreichisch gedacht. Das verbindet sich auch in der Instrumentation: Die jazzigen Teile passieren tatsächlich mit einer Jazzband auf der Bühne. Die Jazz-Combo ist auf der Bühne getrennt vom Graben, auditiv und optisch. Das macht natürlich einen riesigen Unterschied: Man springt plötzlich in ein anderes Land und geht dann wieder zurück nach St. Wolfgang. Das ist bei unserer Fassung aus den 50ern nicht so. Hier hat man Übergänge geschaffen, die die Instrumentation betreffen, die flüssiger sind und mehr verbinden. Aber wir haben auch eine Band auf der Bühne und unsere Bühnenmusik ist Blasmusik.
Wie schon die historische Entstehungsgeschichte zeigt, ist das „Rössl“ immer eine internationale und interdialektale Kollektivarbeit. Auch in Bozen kommen viele Köche zusammen: Das Regieteam, das Haydn Orchester, die Bürgerkapelle Gries, der Chor Flat Caps. Wie läuft‘s?
CH: Es ist eine der schönsten Produktionen, die ich je erlebt habe. Das macht schon die Musik aus, es ist einfach sehr klug gemachte Happy Music. Jede Nummer ist unglaublich raffiniert. Manchmal ist es so raffiniert einfach, dass man denkt: „Wow, das ist fast wie Mozart.“ Mozart macht ja oft so einfach raffinierte Sachen. Man glaubt, da passiert nicht viel, aber eigentlich passiert sehr viel. Diese Raffinesse in der Musik reißt so mit, dass wir alle gute Laune haben. Alle sind gerne dabei. Natürlich machen die Regisseurin Ruth Brauer-Kvam und der Choreograph Damian Czarnecki einen extrem guten Job. Wir alle haben klare Ideen und sind offen für Neues. Gerade vor fünf Minuten haben wir mit Ruth Brauer-Kvam über eine Jodler-Idee gesprochen. Ruth bricht das System auch gerne wieder ein bisschen auf, macht Platz für neue Ideen. Genau das hilft, dass wir künstlerisch kreativ sein können und Spaß haben an dem Ganzen: Die schöne Musik, die gute Laune – darum funktionieren diese vielen Kollektive so gut miteinander. Der Chor funktioniert in sich schon super, die Blaskapelle ist sehr gut organisiert und wir können diese Kollektive schön zusammenbringen.
Leopolds Beefsteak Tartar, Gieseckes Hackfleisch und der berühmte Kaiserschmarrn – Liebe und Konflikt gehen durch den Magen. Was ist das „musikalische Rezept“? Was flirtet musikalisch miteinander?
CH: Was den Walzer betrifft, funktioniert der Flirt ganz gut: Der Landler wird zum Walzer und das Ganze geht von dem Dreiviertel-Takt in den Marsch über, in den Zweiviertel. Statt Marsch nimmt man dann zum Beispiel einen anderen Zweiviertel-Takt, den Boogie-Woogie. Da kann man eigentlich austauschen, was man will, in jede Richtung. Es flirtet immer. Die musikalischen Themen bleiben dieselben und man ändert die Stilistik ein bisschen. Bei „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ flirtet der Wiener Walzer mit dem English Waltz, der oft übersehen wird. Was flirtet noch? In der Volksmusik flirten die Jodler mit den derben Landlern.
Worauf freust Du Dich am meisten?
CH: Zur Zeit freue ich mich am meisten auf das Orchester. Das fehlt mir gerade. Ich habe mit dem Haydn Orchester schon eine Produktion gemacht und das war so eine schöne Arbeit. Ich freue mich auf ihre Reaktion bezüglich dieser Art von Musik, weil sie eben ein Medley, ein Potpourri aus vielen Stilen und so vielen schönen Melodien ist. Die erste Produktion, die wir zusammen gemacht haben, war „Lorit“, neue Musik mit teilweise strangen Spieltechniken. Und das Haydn Orchester hat alles gemacht: hier eine Seite ausgerissen, da etwas umgedreht und alles hat funktioniert. Auf ihre Offenheit freue ich mich sehr.
Und worauf kann sich das Publikum freuen?
CH: Auf einen bunten, abwechslungsreichen Abend. Das ist ja ganz klar, wenn man sich Karten für das „Rössl“ kauft. Ich glaube, bei uns wird es noch eine Spur bunter. In jede Richtung: In die Verrücktheit, aber auch in die Tiefe.
Die Fragen stellte Mona Schlatter.