„Trust the process“

Theresa Prey begleitet die Proben der Produktion „Möglichkeitsmenschen“ als Regieassistentin und gibt einen persönlichen Einblick in den spannenden Prozess dieser Stückentwicklung.

Normalerweise beginnen meine Assistenzarbeiten mit einer Konzeptions- und anschließenden Leseprobe. Das Regieteam erzählt allen, worum es geht und was es sich bis jetzt ausgedacht hat. Alle schauen sich das mitgebrachte Bühnenmodell an, an den Wänden hängen Skizzen der zukünftigen Kostüme und man bekommt eine Idee der bevorstehenden Arbeit. Danach wird gemeinsam einmal der ganze Text laut gelesen und das Proben beginnt. Normalerweise.

Lustiges Wort: Normalerweise. Ich habe gelernt, dass in der „normalen“ Weise unzählige mögliche Weisen stecken. Das heißt, jede Weise kann die normale Weise sein, solange man sie als solche annimmt. Und normalerweise nehmen wir ziemlich viel an, ohne es zu merken.

Gut, jetzt wo feststeht, dass „normalerweise“ alles und somit auch nichts bedeutet, möchte ich mehr zur besonderen Weise des Theaterclubs und zur diesjährigen Produktion „Möglichkeitsmenschen“ erzählen.

Der Theaterclub bietet Menschen aus dem Amateurtheater gemeinsam mit Profischauspieler:innen die Möglichkeit (zwinker), gemeinsam ein Stück zu entwickeln und es im Studio des Stadttheaters Bozen auf die Bühne zu bringen.

Nachdem sich im Oktober des letzten Jahres eine Gruppe von 19 spielfreudigen Menschen gefunden hatte, hat Peter Lorenz, der Regisseur dieser Arbeit, erstmal erklärt, was eine Stückentwicklung ist.

Kurz: Es gibt zu Probenbeginn keinen Text. Der Text wird im Prozess entstehen. Trust the process ist manchmal mehr als eine gutgemeinte Redewendung.

Bei unserer Stückentwicklung war das Vertrauen immer mit im Raum, egal ob bei den Proben in der Roenstraße, im Pfarrheim oder auf der Probebühne des Stadttheaters.

Schon nach dem ersten Workshop-Wochenende hat die Gruppe begonnen, zusammenzuwachsen. So geht das, wenn man weiß, dass jemand mal einen Sackkrebs gespielt hat, bevor man sich ihren Namen richtig merken konnte. Die Art, wie man Menschen beim Theatermachen kennenlernt, ist eine eigene. Man überspringt viele Floskeln und setzt sich gemeinsam mit lustigen, fragilen, peinlichen, schönen Fragen auseinander. Dadurch, dass sich alle „nackt“ zeigen, bietet die Gruppe Sicherheit und Vertrauen. Bei so einer großen Runde keineswegs selbstverständlich.

In der ersten Probenphase ging es um die sogenannte Materialsammlung für die Stückentwicklung. Das Material? Die Menschen und ihre einzigartige Auseinandersetzung mit Fragen wie „Was oder welche Rollen nehme ich bewusst oder unbewusst an und auf welche Weise? Im Theater, sowie im Alltag.“

Die Teilnehmer:innen haben mal einzeln, mal in Gruppen, kurze ein- bis fünfminütige Szenen erarbeitet und improvisiert und sie immer wieder präsentiert. So sind schnell Themen wie Lampenfieber und Angst vor Fehlern aufgetreten.

Gut, dass unter den 19 Spieler:innen zwei ausgebildete Profischauspieler:innen dabei waren, die stets den Amateurspieler:innen mit Tipps und Tricks zur Seite standen.

Die Mischung aus Amateur- und Profispieler:innen ist besonders interessant, insofern ich merke, dass man zum „theatern“ eigentlich nur ein neugieriger Mensch sein muss, und es dann eben eine Vielzahl an Werkzeugen gibt, die man sich aneignen kann, um auf der Bühne Spaß zu haben. So viele unterschiedliche Erfahrungsgrade in einem Raum zu haben ist, wenn gut getragen und koordiniert (meine Hochachtung geht an Peter Lorenz), eine unglaubliche Bereicherung für alle.

Aus dem gesammelten Material hat Peter eine Textfassung gebastelt. Das erste gemeinsame Lesen war, ohne kitschig sein zu wollen, schon ein bisschen emotional. Alle konnten sich in dem Mosaik widererkennen und verbunden über gemeinsame Erfahrungen – ob kollektive Lachflashs oder berührende Momente – entstand etwas Einzigartiges. Zusammen dann an diesem Text zu arbeiten und ihn zu proben war eine aufregende Reise, vielleicht sogar ein Abenteuer.

Als wir nach der letzten Probe im Probenraum im Kreis saßen und Reflexionen zu unserem bisherigen gemeinsamen Weg geteilt wurden, wurde spätestens allen klar, wie viel von dem hier in den Proberäumen Erlebten auch Relevanz im Draußen findet, und ich liebe diese Verwebung von Theater und Alltag.

Nun gehen wir auf die Bühne, werden dort verschiedene Möglichkeiten ausprobieren und fiebern der Premiere mit großer Freude und Spiellust entgegen.